Heimatvertriebene

Regenbogen

Sie sagen: „Du musst weg hier!“

Du sollst alles verlassen: Dein Haus, deine Schule, deine Freunde, deine Heimat!

Wenn du Glück hast, dann sind wenigstens deine Familienmitglieder bei dir: Deine Mama (Papa ist schon lange weg, irgendwo in Gefangenschaft, sagen sie), dein kleiner Bruder, die alte Großmutter.

Deine Mama schiebt den Kinderwagen mit dem kleinen Brüderchen. Ein Sack mit Habseligkeiten (30 kg waren pro Person nur erlaubt) liegt oben auf. Du gehst weinend vom Sammellager mit dem Strom der Frauen, Kinder und Greise zum Güterbahnhof.

Du verstehst die Welt nicht mehr. Was ist nur los? Warum kann es nicht mehr so wie gestern sein?

„Mama, wohin ziehen wir?“ fragst du. „Ich weiß es nicht!“ klingt es leise zurück. Deine Hand ist in ihrer Rockfalte festgewachsen. „Nur nicht sie auch noch verlieren!“ hämmert es in deinem Kopf.

Eine Reihe von Viehwagons steht bereit. Viel zu viele (40 Personen und ihr Gepäck) werden hineingeschoben – in die Dunkelheit und Ungewissheit. Keine Widerrede. Die Uniformierten halten alle im Schweigen.

Angst in allen Gesichtern – fassungslos traumatisiert – entwurzelt, entwürdigt, ohnmächtig resigniert.

Den kleinen Bruder tröstend, der laut schreit und all die Spannung, die in der Luft liegt, hinausklagt, verlierst du dich und deine Träume. Das nackte Überleben ist deine Mitgift.

3 Tage und 2 Nächte in diesem fahrenden Gefängnis sind lang…

Nie wieder wird deine Welt in Ordnung sein – ahnst du, deren Grundfeste so grausam entzwei brechen.

Du und dein Leben – ihr gehört noch zusammen in dieser Finsternis der Nachkriegszeit, des Wartens, der Angst.

Du hattest dir einen anderen Neubeginn vorgestellt. Du bist so intelligent, wolltest nach der Schule Lehrerin werden… Die Vision gefriert zu Eis. Wird sie jemals aufgetaut werden?

Über-Leben lernen. Nur nicht verhungern, verdursten – körperlich und seelisch.

Wo ist dein Halt? Hält die Religion, wenn die Tradition zerbricht?

Hält das Familienband, wenn ihr in alle Richtungen verstreut, vertrieben werdet?

Der Kopf zerbricht an Fragen und das Herz zerreißt vor abgrundtiefem Schmerz.

*

S T I L L E

*

Jahre später.

*

Hättest du jemals geglaubt, dass es ein Leben nach dieser Hölle gibt?

*

Ohne dich würde es mich nicht geben!

Ohne deinen Mut, deine Ausdauer, deine Bereitschaft zum Neubeginn, wäre ich niemals von dir empfangen worden. Du hast meine Hochachtung!

*

Auch wenn ich dieses emotionale Erbe in meinen Genen trage,

es zeitweilig in mein Bewusstsein rollt wie ein Tsunami,

hat es dich und mich stark gemacht.

Wir sind Überlebende

auf dem Weg in ein Land der Freude und des Friedens

– in unserer Alltagswelt genauso,

wie auf dem Planeten Erde.

*

Finden wir die Heimat in uns?

Den Ort aus dem uns keine Macht der Welt vertreiben kann?

Vielleicht ist das die Kehrseite jener Schattenerfahrung:

Die Sehnsucht nach der wahren Heimat lässt sie uns finden.

Sie war in uns – ist in uns – und wird immer da sein.

Wir tragen sie überall mit hin.

*

Wir sind zuhause angekommen.

Ganz bestimmt.

*

S T I L L E

* * *

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